Ab sofort geht es hier weiter: http://nikaparnass.ohnewartezeiten.de
SH3: Warnung vor Deutscher Unhöflichkeit
Der wieder erstarkte Kult um Mr Sherlock Holmes, durch die jüngsten Film- und TV-Projekte, verhilft auch der ursprünglichsten Form des legendären Detektivs zu neuem Ansehen. Die Romane und Kurzgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle erleben derzeit wieder einen massiven Aufschwung. Sämtliche Buchhandlungen haben daher begonnen Doyles Werke zwischen all den anderen Büchern heraus zu kramen und sichtbar in das wichtige mittlere Regalfach zu positionieren. Von den Angeboten, über klassische Romane, Englische Literatur bis hin in das Krimigenreregal. Überall kann der Kunde den Namen Doyles und Holmes’ lesen. Taschenbücher, Hardcover, Sammelausgaben oder das Gesamtwerk, auf Deutsch oder Englisch. Alles ohne große Schwierigkeiten wieder erhältlich. Das freut die Lesefanatiker unter den neuen Holmsianern.
Es stellt sich die Frage: Wo fange ich an? Bei 4 Romanen und 56 Kurzgeschichten, die von unzähligen Verlagen in den verschiedensten Ausgaben heraus gegeben werden, eine sehr berechtigte Frage. Zum Einstieg empfiehlt es sich den Roman Eine Studie in Scharlachrot (engl.: A study in scarlett) und die Geschichten in Die Abenteuer des Sherlock Holmes (engl.: The Adventures of Sherlock Holmes) zu lesen.
Aber die entscheidende Frage muss lauten: Auf Englisch oder auf Deutsch? Bei letztere Wahl sollte unbedingt auf den Verlag geachtet werden, damit der gelungenen literarischen Begegnung mit dem Meisterdetektiv nichts im Wege ist. Denn der Deutsche ist nicht nur im allgemeinen Sprachgebrauch sehr unhöflich gegen seine Verben, wie Sherlock Holmes in dem Fall Skandal in Böhmen (engl.: A Scandal in Bohemia) eigens festgestellt hat, sondern offenbar auch dann, wenn es um Übersetzungen von Doyles Werken in das Deutsche geht.
Viele davon sind, obwohl sie in renommierten Verlagshäusern abgedruckt werden, schlichtweg ungenießbar. Einige dürften lediglich Wort für Wort übersetzt worden sein, sodass der Leser Anstoß an unpassenden Wortgebrauchen nimmt. Wieder andere degradieren sich durch verschlungenen Satzgebilden… Am Ende rauben viele ins Deutsche übersetzte Sherlock-Holmes-Fälle den genialen Geschichten und Figuren ihren Charakter. Die Leselust mit einbegriffen.
Soll es aber unbedingt die Deutsche Sprache sein in der gelesen werden möchte,
kann mit dem Kauf der Reclam Ausgabe Die Abenteuer des Sherlock Holmes nichts falsch gemacht werden. Die Geschichten liegen in modernen Übersetzungen vor, die lediglich an einzelnen Stellen holprig erscheinen mögen. Ansonsten vermitteln sie aber genau das was Doyles Sherlock Holmes auszeichnet: Spannung, Humor, Intellekt und faszinierende Charaktere.
Für alle, die sich von den englischen Originalen nicht allzu weit entfernen wollen
gibt es auch eine wunderbare Geschichtenauswahl vom Anaconda-Verlag. Die besten Sherlock-Holmes-Geschichten heißt diese und bietet die komparatistischen Vorzüge einer bilingualen Ausgabe. Eine Seite Englisch, danach die Übersetzung dazu. Hier wird sich sehr an der Englischen Vorlage gehalten, ist aber keineswegs stur Wort für Wort übersetzt. Darüber hinaus fasst dieses Buch die Ausgaben der 3 Hauptsammlungen in den wichtigsten Geschichten daraus zusammen. Aus den Abenteuern, den Erinnerungen und der Rückkehr von Sherlock Holmes gibt es eine treffliche Auswahl der 56 Geschichten.
Neues von Sherlock Holmes gibt es auf dem Büchermarkt aber auch, wenngleich
sein Schöpfer schon lange tot ist. Die Nachlassverwalter Doyles beauftragten den britischen Autor Anthony Horowitz damit einen neuen Holmes-Roman zu schreiben. Erst kürzlich erschien Das Geheimnis des weißen Bandes auch in Deutschland. Definitiv ein Vergnügen soll es sein. Aber leider auch ein wenig vollgestopft. „Horowitz fügt in eine einzige Geschichte ein, was Arthur Conan Doyle auf sechzig Fälle verteilte“ (Frankfurter Allgemeine).
Den ungehemmten Lesespaß für alle neuen und alten Holmesianer kann der Consulting Detective letztlich aber nur in den unangetasteten englischen Doyle-Werken garantieren.
SH2: Ein 3-Folgen-Problem
„Meintest du nicht gestern, du wärst heute den ganzen Tag mit deiner Hausarbeit beschäftigt?“, fragte meine Mutter skeptisch, als sie mich vor dem Fernseher vorfand. „Ich hänge fest, ich komme nicht weiter. Es ist ein 3-Folgen-Problem“, antwortete ich, meinen Blick nicht von dem Bildschirm lösend. „Ah, ja“, machte sie nur kopfschüttelnd. „Ich brauche im Moment intelligente Dialoge, Witz, Spannung und grandiose Schauspieler. Was gibt es da besseres als Sherlock?!“
Kurzweilig, ausgewogen & rund
Diese neue Serie aus England wurde im britischen Fernsehen 2010 das erste mal ausgestrahlt und erfreute sich die erste Staffel hindurch an hohen Einschaltquoten. Dieser Erfolg konnte in Deutschland 2011 fortgesetzt werden. Das Motto unter dem Produzenten und Drehbuchautoren Sherlock konzipiert haben ist wohl „In der Kürze liegt die Würze“. Denn diese erste , von vielen geliebte, Staffel ist nur drei Folgen lang. Dafür hinterlassen diese einen um so stärkeren Eindruck bei den Zuschauern.
Der wohl berühmteste Detektiv der Welt, Sherlock Holmes, und sein treuer Gefährte Dr. John Watson, gehen für BBC auf Verbrecherjagd im 21ten Jahrhundert. Holmes’ deduktive Arbeit an Kriminalfällen, einige actionreiche Verbrecherhetzen durch das zeitgenössische London, aber auch das ganz normale Leben eines brillanten Detektivduos. Sehr ausgewogen werden diese Inhalte in den bisherigen 3 Folgen der neuen Serie erzählt. Dabei steht auch die Beziehung von Sherlock Holmes und John Watson im Vordergrund. Ohne weiteres kann die Entwicklung von der ersten Begegnung bis zum Freundschaftsschluss zum Handlungsstrang der Fälle verfolgt werden. Begleitet von zwei Titelthemes (komponiert von David Arnold), die sich durch Einzigartigkeit auszeichnen und auf der einen Seite mit Sherlocks impulsivem Wesen harmonieren, auf der anderen Seite aber auch mit Watsons vernünftig menschlichem Charakter.
Website, Smartphone & Nikotinpflaster braucht ein Detektiv
Die Genialität in diesem runden und stimmigen Serienpaketchen liegt aber vor allem in den vielen Bezügen zum Sherlock Holmes wie ihn Doyle schuf. Es wurde nicht nur darauf geachtet einen modernen Holmes zu kreieren wie zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen es zuvor taten (beispielsweise Guy Ritchies Blockbusterverfilmungen) und ihn in das heutige Zeitalter zu setzen, sondern auch auf eine gewisse Authentizität. Man könnte meinen die Arbeitshypothese laute: „Wie hätte sich Doyle Sherlock Holmes erdacht, lebe der Autor selbst heute?“ Die Antwort schien Gatiss und Moffat nicht gerade schwer gefallen zu sein.
Sherlock Holmes schreibt keine Abhandlungen über seine Art zu Arbeiten, sondern präsentiert der Welt auf einer Webseite Die Wissenschaft der Deduktion. Er kommuniziert natürlich nicht über Telegramme sondern per Handy mit SMS’s. Er erkennt Banker an der Farbe ihrer Krawatten und erzählt Watson alles über dessen Schwester, obwohl er lediglich deren Smartphone in Händen hält. Vom Rauchen möchte er mithilfe von Nikotinpflastern abkommen, denn heutzutage werde es in der Londoner Gesellschaft nicht gern gesehen. Aus dem 3-Pfeifen-Problem wird ein 3-Pflaster-Problem. Watsons Integrität in das 21te Jahrhundert ist ebenso einfach wie einfallsreich. Er war Militärarzt und konnte, danke heutiger politischer Umstände, wie sein literarisches Vorbild, traumatisiert und mittellos aus dem Afghanistan Krieg wieder nach England zurückkehren. Inklusive verletzten Beines, was aber nur psychosomatischer Schmerz ist. Seine Abenteuer mit Sherlock hält er in einem Blog fest.
Mit dieser Liebe zum Detail, und vor allem auch der Liebe zu Doyles Holmes-Geschichten, fügen Gatiss und Moffat die Hauptcharaktere nahtlos in das heutige Zeitgeschehen ein. Der Zuschauer wird verleitet zu denken, Sherlock Holmes sei nie anders erschaffen worden. Unterstützt wird dieser Effekt auch durch die zeitgerechte Reaktion von Sherlock auf sein Umfeld und der der Nebencharaktere auf den exzentrischen Detektiv.
Ein Arzt erklärt einem Soziopathen was ein Date ist
Benedict Cumberbatch verkörpert (absolut großartig) einen unsympathischen jungen Mann, der in seiner Art großspurig daher kommt und sich nicht im Mindesten die Mühe macht sozial korrekt auf seine Mitmenschen zu reagieren. Er selbst bezeichnet sich als Soziopathen und macht keinen Hehl daraus, dass er nur wenig bis gar kein Mitleid gegenüber Verbrechensopfern empfindet. Normale Emotionen, wie Trauer oder Freude, zeigt er in der Regel nur dann, wenn sie ihm etwas nützen. Ein Held der also mit der Abneigung des Publikums spielt. Faszination geht auch von ihm aus, keine Frage.
Doch ohne John Watson, schön bodenständig gespielt von Martin Freeman, wäre dieser Holmes keiner den die Zuschauer irgendwann dann doch lieb gewinnen könnten. Denn während viele der Antagonisten Sherlock Holmes als Psychopathen bezeichnen, sich nicht mit ihm abgeben wollen und fürchten er würde sein Genie auf kurz oder lang dem Verbrechen widmen, wird Watson von ihm eher angezogen, obschon er ihn bei ihrer ersten Begegnung durchaus als unhöflich befindet. Aber Watson findet Gefallen an Sherlocks Deduktionen (nach diesem reagieren die Leute sonst immer mit einem „Verpiss dich!“ darauf), an den Adrenalinkicks durch die Verbrecherjagden und schließlich auch an der Person Sherlock Holmes.
Das Spannende hieran ist, dass Watson in der BBC-Produktion einen Gegenpart zu Sherlocks asozialem Verhalten darstellt und eine fast schon sozialisierende Wirkung auf diesen hat. Watson erklärt ihm ab und zu ein paar grundlegende Begrifflichkeiten und Wertevorstellungen der modernen Gesellschaft. Zum Beispiel was ein Date ist, oder dass es nicht nett ist eine frisch verliebte Frau vor den Kopf zu stoßen, in dem man ihr unvermittelt erzählt, ihr Lover sei schwul. Sherlock lässt es auch zu, dass Watson ihm nach und nach wichtig wird, dass sich eine Freundschaft zwischen den beiden aufbauen kann. Es fällt auf, er reagiert auf Watsons Lachen mit einem ebenfalls ehrlichem Lächeln. Ein leichter Ausdruck von Panik huscht ihm über die sonst so klare Miene, als Watson entführt wird und er empfindet Dankbarkeit, als dieser (den er voller Enthusiasmus anderen Leuten stets als seinen Freund vorstellt) versucht hatte den Consulting Detektiv zu retten, auch wenn er noch nicht weiß, wie er dieses Gefühl ausdrücken kann.
Ein moderner Sherlock Holmes kann also doch nah an der literarischen Figur sein, menschliche Züge offenbaren ohne dem Zuschauer ein großes Stück Faszination zu rauben. Gleichzeitig kann er aber auch ein unsympathisches Genie sein und einen Watson zeigen, der genauso wichtig ist, wie der Meisterdetektiv.
Der Abspann läuft, mit der unvergleichlich beruhigenden Musik und ich atme tief aus. Dass die letzte Folge des ersten Sherlock-Terzetts beim spannendsten Augenblick einfach so endet…! Aber zum Glück wurde die erste Folge der zweiten Trilogie bereits in England ausgestrahlt. Viel helfen konnten mir Sherlock und Watson bei meiner Hausarbeit letztlich nicht…aber diese völlig faszinierende Hoffnung für das heutige verkommene Fernsehprogramm hat eben auch einen gewissen Suchtfaktor.
Einblick in die zweite Staffel
SH1: Eine Frage der Identität
Kann man aus einem beratenen Detektiv, der für die Lösung einiger Kriminalfälle noch nicht mal vor die Tür gehen muss, einen modernen Actionhelden machen, der den Ansprüchen des hiesigen Publikums im 21ten Jahrhundert gerecht wird? Man kann. Dies hat Guy Ritchie mit seinem neusten Film Sherlock Holmes – Spiel im Schatten einmal mehr bewiesen, nach dem er 2009 weltweite Erfolge mit seinem ersten Holmes feierte. Trotzdem ist die Bewertung dieses Filmes nur eine Frage der Identität. Sherlock Holmes als Actionheld? Gelungen. Sherlock Holmes als Sherlock Holmes? Misslungen.
Das Spiel im Schatten
Sherlock Holmes ist dabei den Urheber aller Verbrechen (Professor James Moriarty, fies von Jared Harris gespielt), die sich auf der Welt ereignen, auszuspionieren und zu stellen. Er verwickelt seinen Freund John Watson, der eigentlich nur heiraten und sesshaft werden möchte, in ein Abenteuer in dem sie dieses mal nicht nur London sondern auch Europa verwüsten und hat wieder so seine Probleme mit Miss Irene Adler, seiner On-Off-Geliebten, die sich dem Verbrechen verschrieben hat.
Wie auch sein Vorgänger lebt Spiel im Schatten von Atem raubenden Verfolgungsjagden, Kampfszenen und Explosionen, die die rasante Handlung und die zweideutigen Wortwechsel in ihrer Schnelllebigkeit unterstützen. Tolle, sexy Schauspieler und musikalische Begleitung von dem Meister der Filmmusiken Hans Zimmer. Fertig ist der Blockbuster, dem jeder etwas abgewinnen kann.
Sherlock Holmes als Actionheld
Robert Downey Junior gibt wieder einmal ein muskulöses, gut aussehendes Genie zum besten. Das in Sekundenschnelle seine Gegner in einem 2 Kampf k.o schlagen kann, immer unter Strom steht, sehr egozentrisch und unglücklich verliebt ist und raucht und trinkt wie kein zweiter. So sieht das Ritchie-Konzept eines modernen Holmes aus, der die Massen begeistert. Und begeistern tut Downey Juniors ungepflegte, und zuweilen auch rüpelhafte, Erscheinung als Detektiv mit Hang zur Action auch. Doch wird dieser Figur dadurch auch Faszination geraubt, die sie im ursprünglichen Doyle-Format auf die Menschen ausübt.
Die Katze die keine ist
Sherlock Holmes’ interessanter und vielfältiger Charakter bekommt in den Ritchie-Filmen nur wenig Platz. Wohl auch deshalb, da er für einen solchen Actionhelden zu viel Facetten aufzeigt. Beispielsweise fehlt Holmes, den Downey Junior verkörpert, die zweite Hälfte des Charakters der genialen Romanfigur. Zum einen zeichnet sich diese durch Impulsivität aus, aber zum anderen auch durch Zurückgezogenheit. Durch dieses Zusammenspiel aus extremer Unruhe und dem genauen Gegenteil geht eine stete Faszination von diesem Charakter aus, die bei dem Ritchie-Holmes schlichtweg fehlt. Auch die unnachahmliche Menschenkenntnis wird weder in Spiel im Schatten noch in seinem Vorgänger in Kontrast mit Sherlock Holmes’ maschinenartigem Wesen und seiner Distanzierung von Mitmenschen gesetzt. Im Gegenteil, er wird durch die Darstellung einer Liebesbeziehung mit Irene Adler eher noch viel menschlicher als Doyle ihn je gezeichnet hatte. Den britischen Gentleman an Holmes kann in diesen Verfilmungen ebenfalls vergebens gesucht werden und es ist keineswegs überraschend, dass Holmes mit nur wenigen Faustschlägen seine Gegner besiegen kann, wo Robert Downey Junior für einen Sherlock Holmes fast schon obszön breit und kräftig aussieht. Ohnehin wurde hier mehr darauf geachtet in Holmes die Klischees eines Genies zu erfüllen, als der Vielfältigkeit eines ganz anders artigerem Genie Luft zu geben. Unordentlich, unhygienisch (obwohl Holmes doch eine Katze sein möchte) und stets in Fällen oder Forschungen vertieft. Typisch Genie, aber nicht typisch Holmes. Der ist stets akkurat ordentlich und gepflegt und spielt auch mal nur auf seiner Stradivari oder raucht in seinem Lehnsessel Pfeife.
Johnny ärgert Sherlie und läuft Mycie den Posten ab
Für Holmes’ Erfolg als Actionfigur ist wohl so wenig Platz in einer Rolle gegeben, dass Jude Law als Dr John Watson einige von Sherlock Holmes Eigenschaften übernehmen musste. Es ist Watson, der hier die britische Seite des Meisterdetektivs repräsentiert, ein gestandener Gentleman ist und mit scharfsinniger Schlagfertigkeit dessen Direktheit begegnet. Der daher oft sehr zynisch und bissig wirkt und nur unter schweren Seufzern seinem Freund in die Abenteuer folgt. Genau konträr zur Romanfigur John Watson. Aber auch genau der Rettungsanker der Guy Ritchie-Filme. Immerhin braucht ein Genie einen Freund, der ihm auf gleicher Höhe begegnet, zumindest in Dialogen, um sich mit jemanden necken zu können, damit Humor und Witz nicht zu kurz kommen. Leider geht dadurch in Spiel im Schatten das deduktive Duell von Sherlock ‘Sherlie’ Holmes und seinem Bruder Mycroft ‘Mycie’ Holmes (herzlich komisch in seiner Rolle Stephen Fry) unter.
Es ist fast schon schade, dass Guy Ritchies Sherlock Holmes-Filme begeistern können, aber dem Consulting Detective dermaßen viel an seinem faszinierenden Charakter rauben, dass sie nur einen leichten eher unwesentlichen Eindruck hinterlassen. Aber einem Sherlock Holmes als Actinheld liegt es wohl mehr am Herzen möglichst vielen Zuschauer Adrenalinkicks plus Lachkrämpfe zu erteilen, als, wie seine literarische Voralge, diese zum Staunen und Nachdenken zu bringen.
Diese Aufgabe überlässt die Guy Ritchie-Produktion lieber den Kollegen vom BBC, die Sherlock Holmes in einer Fernsehserie im 21ten Jahrhundert ermitteln lässt.
Mehr Informationen zum Spiel im Schatten
Das Comeback des Mr S.H.
In den letzten Jahrzehnten war es recht still um seine Person geworden, lediglich im Kinderfernsehen gab es ein,zwei Auftritte von ihm, seinen Nachfahren und seinen größten Fans.
Sherlock Holmes ermittelte im Märchenland (Sherlock Holmes & die 7 Zwerge), vererbte seinen Deerstalker-Hut an Shirley Holmes und war das größte Idol von Detektiv Conan. Doch dabei beließ es der berühmteste, beste und einzige Consulting Detective auch. Bis ihn schließlich ein großes Filmprojekt 2009 wieder ordentlich Gehör in der Öffentlichkeit verschaffte.
Jetzt 2011/12 kann man von einem gelungenen Comeback sprechen. Die letzten 3 Jahre brachten ihn zurück in die Kinos, in das Fernsehen und in die Buchhandlungen. Das Interesse an Sherlock Holmes ist so groß wie zu seinen besten Zeiten. Aus diesem Grund werden in einer dreiteiligen Artikelserie auf diesem Blog in den kommenden Wochen seine neusten Projekte näher vorgestellt und an seine Ursprünge erinnert.
Seins oder nicht seins – Ist das hier die Frage?
Es werden Stimmen laut wie: „Ist das wirklich nötig, den armen Herrn und sein Andenken jetzt durch den Dreck zu ziehen? Nach Jahrhunderten seiner Schaffenszeit?! Wir sollten ihn in Frieden Ruhen lassen.“ Der Herr, der hier gemeint ist, heißt William Shakespeare. Der Dreck mit dem er, nach obiger Aussage, im Grabe beschmutzt wird ist der neuste Roland Emmerich-Film Anonymous. Dieser geht davon aus, dass die Frage, ob Shakespeare seine genialen Stücke, wie Hamlet, Macbeth und Ein Sommernachtstraum, selbst geschrieben hat, negativ zu beantworten ist.
Von dieser Grundlage aus wird die Lebensgeschichte des Earl von Oxford erzählt. Ein musisch sehr begabter Adliger von hohem Ansehen, der als junger Mann eine Zeit lang am Hofe der Königin leben dufte. Dementsprechend auch in sämtlichen Intrigen verwickelt wurde. Ein kleiner Schriftstellerzirkel aus dem Londoner Volk nimmt außerdem einen wesentlichen Platz in der Geschichte ein.
Emmerich machte aus beiden diesen Teilen Puzzles, die er durcheinander mischte und falsch zusammensetzte. Vor allem am Anfang ist allein deswegen (Vor-, Rückblenden, keinerlei Chronologie) höchste Konzentration gefordert. Der gewillte Zuschauer gelangt auch an einen Punkt, an dem er diese Puzzles überblickt und sich in den Film vertiefen kann. Alle anderen können in tiefsten Zügen die prunkvollen Kostüme und Kulissen, die hochbegabten und aufwendig maskierten Darsteller genießen. Letztere sind unter anderem Rhys Ifans, herrlich exzentrisch in der Hauptrolle des Earl von Oxford, Joely Richardson und Vanessa Redgrave spielen umwerfend Queen Elizabeth. Unglaublich alt, und mindestens genauso gut, erscheint David Thewlis als greiser Bösewicht. Und schließlich, in einem Nebenpart, hinreißend komisch Rafe Spall als aufmerksamkeitsgeiler und nur mittelmäßig talentierter Schauspieler William Shakespeare.
Ja, eher ein Nebenpart ist hier diese Rolle. Es ist kein Film über Shakespeare. Es ist ein Film über den großen Dichter, der einige der bedeutendsten Stücke der Literaturgeschichte verfasst hat. Über die Stücke selbst; über das Genie, welches sich hinter den Namen William Shakespeare verbirgt. Das ist nach Emmerichs Theorie eben nicht ein bürgerlicher Schauspieler gewesen, sondern ein adliges Naturtalent.
Nebenbei bemerkt, ist es ja noch nicht mal Emmerichs Theorie. Hinterfragungen dieser Art gab es schon im 19ten Jahrhundert. Dementsprechend wird Shakespeares Andenken nicht jetzt erst beschmutzt. Wenn davon überhaupt die Rede sein kann. Immerhin besteht die große Möglichkeit, dass die Menschen, nach dem sie zum Beispiel Anonymous gesehen haben, sich nun erst recht mit Shakespeare und seinen Werken befassen. Dabei werden sie feststellen, dass das Genie nicht in der Person liegt, sondern in dessen Werken. Was macht es also für einen Unterschied ob William Shakespeare auch wirklich William Shakespeare war oder nur so hieß? Die Stücke König Lear, Romeo & Julia und Othello sind immer noch die Stücke, die die Menschheit bewundert und um den Stücken Willen wird auch der Verfasser bewundert.
Fazit: Anonymous ist ein großartiger Film, eine Art Lichtspieltheaterkunstwerk. Wer sich über die Person William Shakespeare informieren möchte sollte sich Dokumentationen anschauen und Anonymous nicht empört als „völlig falsch und unwahr“ kritisieren.
Hier der Trailer zum Film
Lisztig & Verkleistert
Dieses Jahr stand in vielen Kulturstätten Europas ganz unter zwei Portraits, die jeweils zwei berühmte Künstler abbilden.
Der eine war ein Wunderkind. Spielte schon mit 9 Jahren sein erstes Konzert am
Klavier und tourte durch Europa und Russland. Zu seinen Förderern und Freunden zählte er unter anderem Richard Wagner. Als beliebter Musiker blieben natürlich auch nicht Affären zu zahlreichen Damen aus. Doch seine Liebe galt hauptsächlich einer Frau, mit der er einige glückliche Tage verbrachte, zuletzt zu ihr jedoch eine eher unglückliche Beziehung pflegte. Dieses Jahr sah man auf vielen Plakaten das hagere und markante Gesicht mit den dunklen, braunen Augen von Franz Liszt, dem Komponisten der Ungarischen Rhapsodie und der Faust-Sinfonie. Am 22. Oktober in diesem Jahr feierten sämtliche Orchester, Solisten und Liebhaber der klassischen Musik seinen 200sten Geburtstag.
Und welches Jahr dem einen sein Lebensanfang bedeutete, war für den anderen
sein Lebensende. Unstet und unruhig war sein Leben. Seine Militärkarriere brach er ab und suchte im Mathematik- und Philosophiestudium Erkenntnis über seine innere Unruhe. Doch es hielt ihn nie lange an einem Ort. Auch er durchreiste weite Teile Europas, schrieb in der Schweiz seine berühmten Stücke Der zerbrochene Krug und Die Familie Schroffenstein. Diese gefielen Zeit seines Lebens jedoch nur wenigen. Mit einem Jugendfreund wollte er Suizid begehen, allerdings liebte sein Vertrauter das Leben. Aber die Selbstmordgedanken plagten den Schriftsteller weiter, bis er mit einer guten Freundin den Traum vom gemeinsamen Freitod endlich realisieren konnte. Es gibt nur ein Bild von ihm, dieses Jahr überall zu sehen wo es um Literatur und Theater geht. Jungenhaft und rund ist sein Gesicht, er lächelt leicht. Und sieht damit nicht nach einem Heinrich von Kleist aus, den seine Gefühlsschwankungen am 21. November vor 200 Jahren in den Tod getrieben haben.
So geht ein Jahr voller Liszt und Kleist zu ende. Im Dezember stehen aber noch weitere Veranstaltungen zu den beiden Künstlern aus Musik und Literatur an. Zum Beispiel ist „Jazz-Frühschoppen“ auf dem Feuerschiff Hamburg geplant, mit einem „Kleist-Schnellkurs für Eilige“ und bis zum 25. Dezember kann man sich die Bilder von August Ohm (Atelier u. Stiftung Ohm) anschauen, die Kleists Aufsatz über das Marionettentheater verbildlichen.
Die Krönung des Don Carlos
Der spanische Infant Don Carlos wird morgen am 27.11 gekrönt, und zwar von der Körber-Stiftung preisgekrönt. Jedenfalls der Don Carlos des Thalia-Theaters in Hamburg, besser bekannt unter dem Namen Mirco Kreibich.
Der 28 Jahre junge Schauspieler ist, seit er vor wenigen Jahren vom Deutschen Theater in Berlin zum Thalia in Hamburg wechselte, der Publikumsmagnet des Hauses. Seine markante Stimme, seine auffallende Art sich mimisch und gestisch ausdrücken zu können und die Leidenschaft mit der er jede seiner Rollen einzigartig und zu einer wahren Charakterrolle hervorhebt sind, grob gesagt, wohl für einen Großteil seines Erfolges verantwortlich.
In Stücken wie H.C. Andersen – Trip zwischen den Welten, Merlin. Oder das wüste Land, die neue Inszenierung von Der Fremde und eben Don Carlos brilliert der Jungschauspieler mit immer neuen Facetten seiner Performance. Als ein Charakterteil von Andersen verkrampft, leidend; als Vater von Zauberer Merlin ungehemmt schwachsinnig; als Meursault (Der Fremde) ist nichts weiter als Unterkühlung und Mechanie zu sehen. An Mirco Kreibich ist in jedem Stück etwas neues zu entdecken. Etwas wofür ihn das Publikum liebt.
Junge Zuschauerhört man im Don Carlos fasziniert sagen: “Der sieht ja aus wie Kurt Cobain.” Tatsächlich erinnert er mit oftmals langen, schmuddel-blonden Haaren, seinem kantigen Kinn, seinen runden Augen und seinen gradlinigen Augenbrauen an den Grungesänger. Den Vergleich kann er aber, laut einem Interview, inzwischen nicht mehr hören. Und in Der Fremde, mit kurzen, braunen Haaren, lässt sich der legendäre Musiker auch gar nicht mehr in ihm sehen. Aber solang er dermaßen gut, wie in seinen anderen Stücken, das Publikum sehen und spüren lässt, welche Rolle er für den Moment verkörpert und für Gänsehaut durch exzentrische Spielweise sorgt, will man auch nur Mirco Kreibich in einen seiner Rollen sehen und niemand anderen.
Der fremde Faust
- 2 Tage, 2 Stücke, 2 Wirkungen -
Am Freitagabend die Inszenierung von Der Fremde, nach dem Roman von Albert Camus; Premiere auf der kleinen Thalia-Bühne in der Gaußstraße. Am darauffolgenden Samstagnachmittag das wohlbekannte Stück Faust – Der Tragödie erster Teil, geschrieben von einem der berühmtesten Dichter Deutschlands, Johann Wolfgang von Goethe; gegeben nicht zum ersten mal, auf der großen Hauptbühne des Thalia Theaters in Hamburg.
Die Kontraste sind groß. Sowohl vom rohen Schriftstück über die Bühnengestaltung, der Kostümierung bis hin zu der Anzahl der Schauspieler und vorallem auch die Wirkung auf das Publikum.
Minimalismus und andächtiger Beifall bei Der Fremde
Der Fremde handelt von dem rein rational denkenden und handelnden Meursault. Dieser begeht einen Mord und das Gericht hat Mühe und Not das Motiv sowie die geistige Verfassung des Angeklagten klar zu definieren.
Die Inszenierung von Jette Steckel und Katrin Sadlowski setzt auf Minimalismus, wie es bei modern aufgeführten Stücken nicht unüblich ist. Folglich ist die Bühne ein kleines, sich drehendes Oval mit nichts als rotem Sand geschmückt. Es gibt nur vier Schauspieler, die sich mit der Titelrolle abwechseln. Da drunter Mirco Kreibich und, als einzige Frau in der Besetzung, Franziska Hartmann. Sowohl der eigentlich langhaarig-blonde Kreibich als auch Frau Hartmann und die andere Hälfte des Quartetts (Daniel Lommatzsch u. Julian Greis, alle vier übrigens auch in Merlin. Oder das wüste Land zu sehen) mit braunem Kurzhaarschnitt und in schwarz-weißen Anzügen.
Liegt es jetzt am öden Bühnenbild, an der Geschichte an sich oder daran, dass alle vier Schauspieler den ausdrucksschwachen Meursault in einer dermaßen nüchternen Art und Weise spielen, dass der Zuschauer keinen Zweifel daran hat, Meursault empfinde keine Freude, als er seine Freundin heiratet, keinen Hass gegen sein Opfer und auch keine Reue über seine Tat. Der Applaus geht, nach dem die letzten Worte gesagt wurden, sehr Verhalten. Erst nach dem dritten Verbeugen sagt sich der Zuschauer von dem bedrückenden Gefühl los, welches diese Inszenierung unweigerlich verursacht, und beginnt zum Klatschen auch zu jubeln.
Nachdenklich ist die Aufführung von Der Fremde, aber auch ein gewisses Maß an Spannung wird von Beginn an bis zum Ende des Stückes vermittelt. Doch es ist definitiv nur was für die Freitagabende an denen etwas so Bedrückendes und Nachdenkliches einen nicht aus der Bahn werfen kann.
Alles ausschöpfen, große Gefühle beim Publikum wecken in Faust 1
Wenn das unbeschwerte Lachen am nächsten Tag doch zu schwer fällt, ist Faust 1 im großen Saal des Thalias das Richtige. Zwar dauert diese Inszenierung 3 Stunden ohne Pause, aber dafür wird der Zuschauer mit Witz, Action und überraschenden Darstellungselementen belohnt.
Der Anfang, die ersten paar Szenen, beschränken sich auf einen einzigen Schauspieler, nämlich Sebastian Rudolph, der auch den Prolog im Himmel allein vorträgt. Zunächst noch auf einer recht leeren Bühne. Nach und nach erscheint hier ein Tisch, dort eine Tür und nach ca. einer Stunde auch ein weiterer Schauspieler, Philipp Hochmair. Von diesem Zeitpunkt an entwickelt das Stück eine Dynamik, die am Anfang sehr fehlte. Es wird bunter, schneller, vielfältiger.
Überraschend laut und ungehalten wird die Szene Auerbachs Keller performt. Der Zuschauer fürchtet was dann noch bei der Walpurgisnacht alles passieren mag, doch diese tritt dagegen sehr harmlos als Hintergrundprojektion in Erscheinung, während Gretchen ihre Nöte und Verzweiflung schildert. Auch bei dieser Inszenierung tauschen die Darsteller ab und zu ihre Rollen. Jedenfalls die drei Hauptdarsteller, Sebastian Rudolph,der hauptsächlich Dr. Faust spielt, Philipp Hochmair, der zum größten Teil einen herrlich zügellosen Mephisto mimt und Patrycia Ziolkowska, unter anderem als ein überraschend taff aussehendes Gretchen. Nur Stimmungs fördernd bei einem solch langwierigem Stück sind auch die Gesangs- und Tanzeinlagen, die unter anderem Friederike Harmsen und Franz Rogowski einbringen.
Der muntere Eindruck, den diese Inszenierung auf das Publikum macht, schlägt sich natürlich auch im Applaus nieder. Sofort bricht es in Jubelbeifall aus und tut sich schwer damit wieder aufzuhören.
Faust 1 am Thalia Theater von Nicolas Stemann ist unkonventionell, frech und unterhaltend. Jedenfalls für junge und junggebliebene Menschen, und nicht für jene, die bei der wilden Orgie in Auerbachs Keller und der hier wortwörtlich genommenen „Verführung von Faust durch den Teufel“ den Saal verlassen würden (wie es einige unhöfliche Personen doch tatsächlich an jenem Samstag gemacht haben).
So ist es nicht verkehrt mit dem Zuschauen bei Der Fremde abends über Gefühlsfernheit und Rationalität einer einzelnen Person nachzudenken und an einem Nachmittag mit Faust, Mephisto und Gretchen über das Große und „(…) was die Welt im innersten zusammenhält“ zu sinnieren und bespaßt den Samstag ausklingen zu lassen.
Videoaufnahme zu Faust 1 und zu Der Fremde



